Marcel Eberhardinger

Vom Glück der Bescheidenheit

Mering (ike) | Mit ihren 108 Jahren und ihrer rundum positiven Einstellung, einer unglaublichen Altersweisheit verzauberte Anna Lang, die zweitälteste Bürgerin Augsburgs, bei ihrem Besuch in der Berufsfachschule für Altenpflege in Mering.

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Die 108-jährige Anna Lang umringt von Altenpflegeschülern. "Ich bin glücklich, so viele junge Leute kennenzulernen". Foto: ike

Die 108-jährige Anna Lang umringt von Altenpflegeschülern. "Ich bin glücklich, so viele junge Leute kennenzulernen". Foto: ike

Die kleine, leicht gebückte Dame hinterließ großen Eindruck. Die zweitälteste Bürgerin Augsburgs kam zur Kaffeestunde. Nachdem die Klassen den vom Bayerischen Fernsehen über sie gedrehten Film gesehen hatten, wünschten sie den Besuch der betagten Augsburgerin und luden sie in einem Brief mit vielen Unterschriften ein. Fachlehrerin Manuela Maria Müller organisierte das Treffen.
 
„Dass ich so viele junge Leute kennenlernen darf“, freute sich Anna Lang, die fast 90 Jahre älter ist als ein Großteil der Schüler. Dass sie in ihrem gepunkteten Lieblingskleid erschien, mit dem sie für die Zeitung bereits einmal auf dem Kettenkarussell fotografiert wurde, sorgt gleich bei ihrem Erscheinen für Entzücken. Gestützt auf den Rollator blickte die zierliche Dame in die große Runde von fast 50 Schülern, die sich um sie geschart hat. „Ich kann euch nur bewundern, eure Arbeit braucht man so notwendig wie was zum Essen. Ich danke euch von ganzem Herzen."
 
Die Schüler hatten einen Fragenkatalog zusammengestellt. Was sie den ganzen Tag so macht und ob sie viel vor dem Fernseher sitzt? Da wehrte Anna Lang vehement ab. „Mei so viel schlechte Nachrichten, da gefällt mir gar nix mehr. Schad, dass die Menschheit so dumm ist“, kommentiert sie da. Für ihr langes Leben hat die Lechhauserin ein ganz einfaches Rezept: „Nimm dein Leben an, ernähre dich gesund und trage keinen Groll in dir“.
 
Dabei hätte sie dafür allen Grund, denn das Leben von Anna Lang war hart. Schon mit 16 schickte der Stiefvater sie in die Fabrik zum Arbeiten, dabei wäre sie gerne Schneiderin geworden. „Ihr müsst doch ganz glücklich sein, dass ihr euren Beruf machen dürft“, schätzt die Seniorin deshalb. Theater spielen, Gedichte lesen und die Schauspielerei waren ihre Jugendträume. Dies alles wurde von ihrem Ehemann, den die Mutter aussuchte, nicht geduldet. Die Lebensweisheit, die die 108-Jährige den jungen Zuhörern dazu mit auf den Weg gibt, lautet: „Man muss das Leben annehmen können wie es ist, dann wird man belohnt.“ Das kann sie sofort belegen. „I wollt so gern zum Film und jetzt hab i ‚s doch noch gschafft“, kommentiert Anna Lang und meint damit ihre plötzliche Berühmtheit durch den Fernsehfilm.
 
Überhaupt sei ihr Leben mit jedem Jahr schöner geworden. „Ab 100, da fing ich zu leben an“. Nach dem Tod ihres Mannes unternimmt sie mit Tochter Karin und Enkel Thomas, die sie auch nach Mering begleiten, erste Reisen. Sie schwärmt von einer Donauschifffahrt und einer Kutschenfahrt durch Wien. Mit hundert hat sie nicht nur ein neues Gebiss bekommen, wie sie strahlend erzählt, sondern war auch in Tunesien. Gebannt hängen die Schüler an den Lippen der Dame im Tupfenkleid, die zur Feier des Tages ein feines Spitzenband um den Hals gelegt hat und wegen der großen Hitze an diesem Tag auch einen Strohhut trägt. Ein Schüler holt ihr Lieblingsgetränk Karamalz aus dem Automaten im Flur.
 
Vieles wollen die jungen Leute von der betagten Dame wissen, die beide Weltkriege miterlebt hat, und fragen frank und frei heraus. Gestrickt habe sie sehr gerne. Über 500 Bettschuhe hat sie angefertigt und auch der Augsburger OB Gribl hat ein Paar bekommen.
 
Warum sie nicht in ein Altenheim gehen will? „Man möchte halt im eigenen Bett schlafen und nicht so viele Leute belästigen“, lautet ihre Antwort. Dann hat sie ein großes Anliegen an die jungen Menschen, die im Heim arbeiten. „Immer fragen, bevor ihr was wegwerft. Für den einen ist es nutzlos, für den anderen aber sehr kostbar“.
 
Im hohen Alter hat Anna Lang noch den Umgang mit dem Handy gelernt. Darüber ist sie glücklich, denn einer ihrer Enkel lebt in Thailand. „Die Frau ist einfach klasse“, findet der 23-jährige Özgür. Er ist nicht der einzige, der beim Abschied ein Selfie mit Anna Lang macht.


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